MEINE TEXTE
Schule ist ein Ort der verpassten Gelegenheiten. Das begreift man allerdings erst sehr viel später: Niemals wieder wird es einem so leicht gemacht werden, sich so viele Fähigkeiten aus einem so breiten Spektrum so spielend leicht anzueignen. Als Schüler hat man aber eben anderes zu tun. Vieles erlernt man später im Leben, dann mit deutlich mehr Aufwand (Rechtschreibung, Sprachen), manches hat man vermutlich für immer verpasst.
Es gibt in der Pädagogik – wie mittlerweile überall – den Anspruch, die Menschen, hier also Schüler, da abzuholen, wo sie sind. Mir ist das zuwider. Gerade für potentielle Bildungsaufsteiger ist Schule womöglich der einzige Ort, an denen sie Spuren einer Welt entdecken können, von deren Existenz sie ansonsten nicht einmal etwas ahnen würden. Eine Schule, die ihren Stoff an den vermuteten Interessen eines durchschnittlich begabten Jugendlichen ausrichtet (kurze Texte aus vermeintlich für Jugendliche interessanter Literatur?), ermöglicht so etwas nicht. Nur eine Schule, die ihre Schüler überfordert, lässt sie auch die Existenz dieser anderen Welt, der von Goethe und Schiller, von Mathematik und Naturwissenschaften, erkennen. Auch verpasste Gelegenheiten sind eben entweder solche mit Niveau oder ohne. Und sie sind Spuren auf Lebenswegen, die einen später zu sehr unterschiedlichen Orten führen werden.
Überall sind heute Daten. Dabei ist mit »Daten« selten die unmittelbare und eindeutige Repräsentation von Tatsächlichem in Zahlen gemeint (beispielsweise »wie viele Schrauben eines bestimmten Typs liegen im Lager?«), stattdessen geht es gewöhnlich um abstrakte Konstrukte. Selbst begrifflich vermeintlich Eindeutiges offenbart sich häufig als Konstrukt (das vermeintlich eindeutige »wie viele Termine wurden pünktlich eingehalten?« wird beispielsweise konstruiert über die Festlegung von »welche Toleranz wird noch als pünktlich akzeptiert?« und »was genau muss erledigt sein?«).
Das verschiebt die epistemologische Herausforderung: Die Interpretationsprobleme liegen dann weniger in der mathematischen Verarbeitung der Daten als vielmehr im Verstehen der Abstraktionen, die ihnen zugrunde liegen. Nur wer die Abstraktionen durchdrungen hat, kann aus den Daten überhaupt noch auf Tatsächliches bezogene Erkenntnisse ziehen. Oder noch extremer: Die vermuteten Erkenntnisse aus Daten auf Plausibilität überprüfen kann nur noch, wer das zugrundeliegende, abstrahierte Tatsächliche genauestens kennt und längst schon abschließend interpretiert hat.
Das führt zu einer absurden Situation: Mit Daten etwas anfangen kann dann nur, wer sie eigentlich nicht braucht.
»Was ist der einfachste Weg Steuern zu sparen?«, witzelten wir als Studenten eines vorgeblich auf Wertschöpfung vorbereitenden Studiengangs, »ein geisteswissenschaftliches Studium.« Eine vermeintlich lustige Provokation, die allerdings verkennt, dass erst die benachbarten Geisteswissenschaften der restlichen Universität ihre Ausstrahlung verschaffen: Das Studium von Mikroökonomie, Thermodynamik oder Anatomie mag intellektuell anspruchsvoll sein. Die Weltläufigkeit aber, die der Universität ihre Aura gibt, kommt aus den Nachbarräumen, in denen mit Detailverliebtheit Muster in untergegangenen Sprachen analysiert, altertümliche Philosophen in die Gegenwart geholt und Theorien über die Auslegung vieldeutiger Texte entwickelt werden.
Weltläufigkeit ist der Beitrag der Geisteswissenschaften zur Universität [1] und diese Weltläufigkeit gibt es nicht leistungslos, sie muss produziert werden: Dafür müssen die Geisteswissenschaften etwas tun, das interessant ist, sodass man sich neidvoll wünscht, man könne dem auch so viel Zeit widmen, gestützt auf ein beeindruckendes Wissen, wie man es Geisteswissenschaftlern unterstellt, doch leider befinde man sich ja auf einem deutlich profanerem Lebensweg.
Doch womit beschäftigen sich Geisteswissenschaften heute? »Gender Studies«, Sprache in sozialen Medien und »Postcolonial Studies«. Das sind Themen, die zwar vermeintlich politischen Präferenzen folgen und mit Drittmitteln reichlich belohnt werden, aber schlicht nicht interessant sind. Eine Weltläufigkeit, die auf den Rest der Universität abstrahlt, produzieren solche Geisteswissenschaften nicht mehr. Und vielleicht ist diese uninteressante Schwerpunktsetzung auch der Grund, warum sich immer weniger Studenten für geisteswissenschaftliche Fächer finden.
Es ist ja allgemein bekannt, dass alle Dinge zwar herrlich zu sehen seien, aber schrecklich zu sein (Schopenhauer). Trotzdem begegne ich immer häufiger Menschen, die davon träumen, etwas zu werden, aber nicht, es zu sein. Karriereziele werden zielsicher angestrebt, aber es existiert keine Vorstellung davon, was man eigentlich machen möchte, wenn man die erträumte Position denn erreicht hat. Der Traum geht genau bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Beförderung oder Wahl in die angestrebte Position verlautbart wird.
Kaum nötig zu sagen, dass dies ein sicherer Weg ins Unglück ist.
I. »Servant Leader« war in den letzten Jahren ein führendes Leitbild der Managementausbildung. Manageraufgabe sei es demnach, die nachgeordneten Mitarbeiter in ihrer Tätigkeit bestmöglich zu unterstützen – die Organisation wurde von unten nach oben gedacht. Spätestens im Kontext von künstlicher Intelligenz wird dieses Denken allerdings unproduktiv, denn größtmögliche Produktivitätsgewinne mit KI lassen sich nur erzielen, wenn die Organisation hierarchisch – also von oben nach unten – gedacht wird: Weil der Organisationsleiter nicht alle Aufgaben selbst erfüllen kann, stellt er Mitarbeiter für jeweils abgegrenzte Aufgaben ein. Weil diese ihre Aufgaben wiederum nicht allein erfüllen können, stellen sie ebenfalls Mitarbeiter ein. Mit KI können jetzt, statt Mitarbeiter einzustellen, vielerorts KI-Agenten eingesetzt werden. Der Manager, der hierarchisch aus seiner definierten Aufgabe heraus denkt, kann seine Aufgabe optimal in nachgeordnete Aufgaben zerlegen und effizient zwischen einzustellenden Mitarbeitern und KI-Agenten verteilen. Würde stattdessen weiter von unten nach oben gedacht werden, blieben die Produktivitätsgewinne beschränkt auf eine Selbstoptimierung einzelner Mitarbeiter in einer überholten Struktur.
II. Zu Studentenzeiten waren wir der festen Überzeugung, dass wer nicht schreiben kann, auch nicht denken kann. Das mag übertrieben sein, aber zweifellos schärft das Schreiben das Denken. Wenn uns jetzt KI das Schreiben übernimmt, ist das größte Risiko nicht, dass unsere Fähigkeit zu Schreiben leidet [1]. Das größte Risiko ist, dass dabei auch das Denken verlernt wird.
III. Ich kann keinen Text mehr lesen, ohne darüber zu spekulieren, ob dieser von einer KI geschrieben wurde. Laienforensik ist dafür ein treffender Begriff [2]. Am schnellsten vom künstlichen Ursprung überzeugt bin ich bei unnötig langen Texten (mit guter Rechtschreibung). Ich frage mich unwillkürlich: Welcher deutlich kürzere Prompt war der Ausgangspunkt für diese vielen Sätze? Warum wird nicht statt des Texts dieser Prompt geteilt und damit allen Beteiligten Zeit gespart?
Für manche ist es das größte vorstellbare Ärgernis im beruflichen Alltag: Man erarbeitet mit viel Mühe einen Plan, von dessen Qualität man völlig überzeugt ist. Dann aber wird man von einem Vorgesetzten überstimmt und stattdessen wird ein anderer, der eigenen Einschätzung nach schlechterer Plan ausgeführt. Daraus ergibt sich allerdings auch eine der wenigen Gelegenheiten, die eigene Urteilsfähigkeit ernstlich zu überprüfen.
Das Ausarbeiten und Entscheiden von Plänen ist für den durchschnittlichen Manager Routinearbeit. Dabei bedient er sich gewöhnlich einer ausgefeilten Methodik, am liebsten datengestützten Analysen, um möglichst viel Eindeutigkeit in einen Sachverhalt zu bringen. Gleichwohl bleibt gewöhnlich ein letzter Rest an Unsicherheit übrig, der sich gerade nicht methodisch auflösen lässt und dessen Auflösung nun Intuition erfordert – nur das Unentscheidbare muss entschieden werden (Carl Schmitt). Diese Intuition, die gewöhnlich persönlichen, bei vorherigen Entscheidungen erlernten Mustern folgt, entzieht sich aber der Überprüfbarkeit, auch für den Entscheider selbst. Da nur ein Plan ausgeführt werden kann, fehlt es an der Möglichkeit die Ergebnisse unterschiedlicher Pläne zu vergleichen. Und von seiner gewöhnlichen Intuition abzuweichen und einfach mal eine Entscheidung zu treffen, die man eigentlich nicht für die beste hält, um daraus etwas für spätere Entscheidungen zu lernen, ist für angestellte Manager schlicht nicht vertretbar. Der Manager ist also in seinen festen Entscheidungsmustern gefangen.
Hier offenbart das hierarchische Überstimmtwerden die Möglichkeit eines Ausbruchs aus der Routine: Wenn nun doch einmal der vermutet nicht beste Plan ausgeführt wird, lässt sich das eigene Urteilsvermögen überprüfen. Nicht in Gänze, aber es lassen sich zumindest die vermuteten unmittelbaren Konsequenzen des von einem selbst präferierten Plans mit denen vergleichen, die nun aufgrund des ausgeführten Plans wirklich eintreten. Im Ergebnis kann man nun entweder aus den vermuteten Fehlern anderer lernen – oder man hat begründete Gelegenheit, seine Entscheidungsmuster erstmals wieder grundsätzlich in Frage zu stellen.
Demokratie heißt, dass Menschen mit unterschiedlichen Interessen in einem mehr oder minder geordneten Verfahren miteinander aushandeln, was dem Gemeinwohl entspricht. Der Prozess der Mehrheitsbildung und Kompromissfindung ist kompliziert und das Ergebnis selten vorhersehbar, der Ausgangspunkt aber ist geradezu banal: Man artikuliert seine Interessen und bringt sich so in den demokratischen Prozess ein.
Seine Interessen zu artikulieren, hat allerdings nicht den besten Leumund. Der gemeine Akademiker will zeigen, wieviel mehr er von der Welt versteht. Deswegen redet er nicht davon, was er persönlich gut oder schlecht findet, er geht auf die Metaebene und gibt seine Einschätzung des politischen Prozesses zum besten, »Politics« statt »Policy«: Welchem politischen Akteur nützt die Diskussion? Inwiefern würden durch sie »die Bürger« Vertrauen in die Demokratie verlieren oder gewinnen? Welche verheimlichte Absicht verbirgt sich hinter einem Vorschlag?
Natürlich wirkt man mit Meinungen zu solchen Fragen wirklich sehr viel klüger auf seine Zuhörer, dafür hat man ja auch Politikwissenschaften studiert. Allein, der politische Prozess geht an diesem Wechsel auf die Metaebene zugrunde. Eine Diskussion dazu ist nicht nur langatmig, sie ist auch völlig unproduktiv. Auf diesem Weg lässt sich nicht erarbeiten, was dem Gemeinwohl entspricht, es ist ja auch gar nicht mehr das Ziel. Alles, was daraus resultiert, ist eine große Lähmung – der Fluch der gegenwärtigen deutschen Politik.
Im Schulbuch war die Sache noch eindeutig: 1848 begehrt das deutsche Volk auf gegen seine Könige und Fürsten. Es fordert Demokratie, Menschenrechte und Freiheit. Also eine Auseinandersetzung zwischen Gut, dem aufbegehrenden, tapferen Volk, und Böse, den machtgierigen Königen und ihren Lakaien. Alles recht eindeutig also. Doch ein kleines Störgefühl blieb: Warum, wenn doch das Volk so im Recht ist und so geschlossen aufbegehrt, warum gewinnen dann am Ende doch die Fürsten?
Jahre später lese ich Bismarcks Autobiographie [1]: Bismarck berichtet, wie er dieser revolutionären Tage auf sein Landgut kommt. Dort haben sich die Bauern bewaffnet und fordern ihn auf: »Fürst, führ’ uns an, wir marschieren auf Berlin und befreien unseren König!« Es fällt einem wie Schuppen von den Augen. Die Revolution wird nicht so breit unterstützt, wie man gedacht hat. In den Städten mag sie Unterstützer haben, die Bauern aber, von den Hohenzollern aus der Leibeigenschaft zu bescheidenem Wohlstand geführt, unterstützen ihren König. Und wenn Städter auf Bauern treffen, wissen wir wie ein Händel ausgeht. Deswegen gewinnen die Fürsten. Es ist wieder recht eindeutig. Nur eben hundertachtzig Grad gedreht.
Ein weiterer vermeintlich eindeutiger Fall: Wieder im Schulbuch findet sich die Reichtagsrede Otto Wels’ gegen das nationalsozialistische Ermächtigungsgesetz. Man ist nach der Lektüre felsenfest überzeugt, dass sie eine große Rede ist. Er bringt nicht nur den Mut auf, Hitler trotz aller Drohungen entgegenzutreten, er würde auch absolut zwingend argumentieren. Die Sozialdemokraten führten den Kampf um die außenpolitische Gleichberechtigung und Selbstbestimmung nach Versailles genauso leidenschaftlich wie die Nationalsozialisten. Wer wie Hitler im Äußeren Gleichberechtigung und Selbstbestimmung verlange, dürfe nicht – wie die Nationalsozialisten mit dem Ermächtigungsgesetz – im Inneren diese verweigern und die Opposition unterdrücken. Noch dazu eine, die mindestens genauso patriotisch sei wie die Nationalsozialisten. Deutschlands Reputation in der Welt sei bedroht. Man denkt damals: Wels hat nicht nur die sozialdemokratische Ehre hochgehalten, er muss die Nationalsozialisten ins Herz getroffen und so die Debatte eindeutig gewonnen haben. Und doch bleibt wieder dieses Störgefühl: Warum ist die Sache dann nicht anders ausgegangen? Warum haben nicht spätestens nach Hören dieser Rede zumindest die Mitteparteien gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das dann ohne die notwendige Zweidrittelmehrheit geblieben wäre?
Wieder Jahre später: In einem der Bonner Museen höre ich über die Kopfhörer Wels’ Rede. Aber das Tonband endet nicht mit ihm, es folgt noch Hitlers mir bis dahin unbekannte Replik. Sie ist ein Schock. Hitler zerlegt Wels’ Rede: Wels würde jetzt patriotisch reden, aber wo sei dieser Patriotismus gewesen, als die SPD noch an der Macht war, wo 1918, fragt Hitler, anspielend auf die Dolchstoßlegende? Der Reputationsschaden, dafür sei die sozialistische Presse im Ausland verantwortlich. Wenn die Sozialdemokraten wirklich Patrioten wären, könnten sie dies spielend beenden. Unterdrückung im Inneren? Er listet auf, was die Nationalsozialisten erlitten zu haben meinen, als die SPD noch an der Macht war: Parteiverbot, Verfolgung, Haft. Was Wels vortrage, sei heuchlerisch. Oppositionsrechte seien ihm erst jetzt wichtig, wo seine Partei selbst in der Opposition sei. Die Nationalsozialisten würden nichts anderes mit der Opposition machen, als diese zuvor in der Regierung mit den Nationalsozialisten getan hätte. So verkehrt, aber ein Satz, zu dem es kaum eine Erwiderung gibt. Man will nicht, dass Hitler gewinnt, mit jeder Pore hofft man, dass er verliert. Und doch kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass er Wels rhetorisch geschlagen hat. Was sich vorm Hören der Replik noch bei Wels als geschicktes Argumentieren angefühlt hat, erscheint einem jetzt partiell als anbiedernd und insgesamt als Vorlage für Hitler. Wels bleibt ein Held, die Rede aber ist leider keine große. Wieder hat sich eine Beurteilung um hundertachtzig Grad gedreht.
Das sind zwei Sachverhalte, 1848 und Wels’ Rede, bei deren Beurteilung ich jahrelang geirrt habe. Es ist mir eine Warnung: Wenn man sich schon da so grundsätzlich und in der Rückschau so offensichtlich irrt, wo irrt man dann noch? Der Zweifel an den eigenen Überzeugungen bleibt immer berechtigt. Und besonders misstrauisch muss man sein, wo einem die Überzeugungen zu sehr gefallen.
Aneignung, das heißt einen fremden Gedanken nicht nur zu übernehmen, sondern ihn gleichzeitig für seine eigenen Zwecke nutzbar zu machen. Der Kapitalismus ist berühmt dafür, sich selbst die ihm feindseligsten Gedanken noch anzueignen [1]: Punk, als antikapitalistischer Widerstand gestartet, ist heute der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen. Wer Punk sein will, kauft seine Accessoires bei Amazon. Leidet der Mensch an der Entfremdung der Arbeitsteilung, antwortet der Kapitalismus darauf. Wo immer sich gesellschaftlicher Wandel zeigt, gewinnen die, die sich seinen führenden Gedanken am schnellsten aneignen.
Ausdeutung ist der Weg, wie die Aneignung vonstatten geht [2]. Sich den fremden Gedanken auf die Fahne zu schreiben, ist nur der Anfang. Nutzbar gemacht wird er erst durch Ausdeutung. Umdeutung, also ihm eine völlig neue Bedeutung zu geben, ist keine Option. So naiv ist das Publikum nicht. Also geht es darum, seine gegebenen Inhalte zu ergänzen. Punk mag eine Haltung sein, Punk ist aber auch Mode und Musikgeschmack. Gegen Entfremdung mag das Ende der Arbeitsteilung helfen. Aber doch auch genauso ein (schein-)partizipativer Strategieprozess und ein verbindenden Unternehmensziel.
Aufladung braucht es dann als finalen Federstrich. Denn Ausdeutung bedeutet immer auch Banalisierung. Der ursprüngliche Gedanke wird so breit, dass er variabel, mithin flüchtig wird. Flüchtige Gedanken aber taugen nichts. Deswegen braucht es eine neue Aufladung durch maßlose Überbetonung: Sind wir nicht alle rebellische Business Punks? Steht unser Unternehmen nicht wie kein zweites für einen Sinn, der sich in jeder einzelnen Tätigkeit materialisiert? Und entscheidet nicht das aktuelle kulturelle Programm über Erfolg oder Untergang des Unternehmens? Die Kommunikation will exzessiv aufgeladen werden.
Aneignung, Ausdeutung und Aufladung, das sind die kulturellen Primärtechniken jeder (Unternehmens-)Transformation.
Es ist noch nicht allzu lange her, da konnte man Beiträgen von völlig Fremden in einem Onlineforum, das einem eine Google-Suche vorher noch gänzlich unbekannt war, fast bedingungslos vertrauen, weil schon auf den ersten Blick erkennbar war, dass dort eine fachkundige Community kuratierte. Diese Zeiten sind dank Plattformifikation und KI-generierter Texte leider – vermutlich unwiederbringlich – vorbei. In einem Feld allerdings hat es erheblichen Fortschritt gegeben: Texte sind heute aufgrund von Verbesserungen rund um die Typographie zumindest deutlich ansehnlicher.
Für Text ist Typographie offenkundig wichtig: Von den Zeichen und ihrer Setzung hängt nicht nur die Lesbarkeit ab, sie bestimmen auch die Ästhetik einer textlastigen Website. Das ästhetische Ideal ist Harmonie. Eine ideale Schriftart sollte bei genauer Betrachtung als schön empfunden werden, sie sollte allerdings gleichzeitig nicht so aufdringlich schön sein, dass ihre Schönheit alles andere – vor allem den Inhalt des Textes – überdecken könnte. Es steht ihr nur eine schwache autonome Note zu, zentral bleiben soll allein der Inhalt des Textes.
Den vermutlich größten Verdienst an der Verbesserung rund um die Typographie im Internet hat ein Konzern, der einst das Internet selbst erfolgreich zu machen als Voraussetzung für den eigenen Erfolg gesehen hat: Google hat nicht nur mit seinem Browser Chrome Webdesignern ermöglicht, auf einfache Weise eigene Schriftarten einzubetten. Google hat auch mit Google Fonts jedem Webdesigner (unterstützt von vielen Freiwilligen) eine breite Auswahl an Open-Source-Schriftarten an die Hand gegeben. Selbst wenn noch Modifikationswünsche an diesen bleiben: Dank der offenen Lizenzen und der Open-Source-Software FontForge gelingt es mit begrenztem Aufwand an die perfekte Schriftart zu gelangen.
Diese Website verwendet modifizierte Versionen von Source Serif und Source Sans. Beide Schriftarten sind zwar schön, doch so weit verbreitet (beispielsweise bei FAZ.net), dass sie kaum mehr auffallen. Die weiteren Anforderungen waren folgende: Die Großbuchstaben sollten nicht zu breit sein (im Deutschen werden diese ja recht exzessiv verwendet), das Textbild sollte ungefähr dem von Bitstream Charter entsprechen und die Schriftart sollte moderne kontextabhängige Features unterstützen (beispielsweise ein angehobener Doppelpunkt in Uhrzeiten). Die erste Eigenschaft brachte die Source-Familie mit. Zur zweiten passten die Zeichen schon hervorragend, die Zeichen- und Wortabstände ließen sich mit FontForge anpassen, genauso die kontextabhängigen Features einbauen.
Diese Website soll primär Text ohne viel Ornament und Verzierung anzeigen. In 2026 ist dies dankenswerterweise ohne viel Aufwand recht ordentlich möglich. Das Internet wird dadurch vielleicht nicht besser – es wird aber zumindest schöner.